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SHIBORUTO

[Textprobe: Aus dem Prolog]

Im ersten Monat des vierten Jahres der Regierung Kansei erhoben sich an einem ruhigen Spätnachmittag im Süden Japans auf der Halbinsel Shimabara plötzlich kreischende Vogelschwärme aus den Baumkronen in den Himmel. Die Sonne neigte sich langsam den Bergen im Westen zu und der Wind wehte frisch vom Meer her durch das kleine Fischerdorf. Die Blütenkelche der Blumen waren weit geöffnet, die Azaleen flüsterten in der salzigen Brise und alle Zeichen  bezeugten die Ankunft eines warmen Sommerabends über der Ariake-Bucht. Still lag der alte Vulkan Unzen im Rücken des Dorfes. Nur die Vögel, sie wurden immer zahlreicher und ihr Geschrei immer lauter.

Die blinde Kräuterfrau ging wackelnd auf ihrem Stock gestützt vor ihr Haus und rief mit überraschend kräftiger Stimme über die Strasse in Richtung der Hütte, in der seit kurzem ihre Schwiegertochter mit ihrem Sohn wohnte, dem Fischer Takano.

- „Natsu-chan, komm schnell, es ist etwas im Gange, oh ich fühle es. Ich fühle es so stark“

Das Haus stand offen, ihre Schwiegertochter war alleine. Sie hatte die Vögel auch gehört und war erschrocken.

- „Mutter, was ist das?“ Sie lief über die Strasse und bot der alten Frau ihren Arm als zusätzliche Stütze, was diese sonst immer ablehnte. Diesmal aber nicht. Fest umklammerte sie den ihr angebotenen Unterarm.

- „Hör, Tochter, was die Vögel sagen. Sie haben Angst! Etwas Grosses, etwas Böses kündigen sie an. Ooh, meine Knochen schmerzen. Als ob ich unter einem Felsen liegen würde. Tochter, ich kenne dieses Gefühl. Es bedeutet nichts Gutes. Wo ist Takano!“

„Er hat sich mit Habu gerade zum Nachtfischen aufgemacht. Sie wollen Polypen fangen.“

In diesem Moment zitterte zuerst die Luft und dann der Boden auf dem sie standen.

- „Was siehst Du?“ fragte die Alte entsetzt.

- „Nichts! Nichts!“

- „Sieh nach dem Unzen. Was ist da?“

Natsu sah in die Richtung des Vulkans wie ihre Schwiegermutter es wünschte. Doch sie konnte nichts mehr sagen. Sie schrie nur noch. Die alte Frau drehte ihr Gesicht nun selbst in Richtung des Vulkans, den sie mit ihren toten Augen fixierte. Sie schienen mehr zu sehen als die jungen, gesunden Augen der Stieftochter, denn der Ausdruck ihres Gesichts versteinerte in einer Art von Schrecken, den nur das Unsichtbare einem Menschen einflößen kann. Der Berggipfel rauchte und zitterte, dann erhob er sich sichtbar, als ob der Berg selbst betrunken wäre und versuchen wollte aufzustehen von seinem uralten Felsenthron. Er sah aus wie festgehalten von unsichtbaren Ketten. Aus der Ferne war sichtbar, dass Steinlawinen sich gelöst hatten wie aus platzenden Felsbeulen und geräuschlos die Felswände hinabglitten. Dann begann der Gipfel nach kurzem Innehalten zu taumeln und die Spitze schien einen Kreis in den Himmel zeichnen zu wollen. Die Alte flüsterte ganz für sich, während ihre Schwiegertochter hektisch mit den inzwischen aus ihren Häusern gekommen Nachbarn sprach.

„Oh, ihr Götter der Erde und des Himmels, steht uns bei! Etwas Schreckliches kündigt sich an. Etwas Schreckliches. Zerstörung. Untergang. Ich kenne diesen Geist nicht. Oh bitte, helft mir, es ist so kalt.“

Plötzlich richtete sie sich auf, ihre krummer Rücken spannte sich, sie grinste mit ihrem zahnlosen Mund, drehte sich langsam um ihre eigene Achse und begann fürchterlich zu schreien: „Hara, hara, hara memosama, sukkurebusu gogamu, sukkurebusu abaddonu, sukkurebusu kollokami.“ Ihr spastischer Tanz machten ihrer Tochter noch mehr Angst als sie sowieso schon hatte und die Nachbarn sahen verwirrt zwischen der alten Frau und dem Berg hin und her. Niemand verstand ihre Worte. Es war kein Japanisch. Sie tanzte immer wilder und wiederholte die schauerlichen Verse, immer lauter und erfüllt von einem kreischenden, unmenschlichen Lachen. Dann erfüllte sich ihre Prophezeiung und das Werk der Zerstörung begann. Der Felsendom des alten Berges Unzen stürzte ein, der Gipfel versank langsam in einem sich öffnenden Schlund des Berges. Die Landschaft, seit hundert Generationen den Menschen vertraut, veränderte innerhalb weniger Atemzüge für immer ihr Gesicht. Rauch stieg aus dem Berg auf.  Die alte Frau brach tot zusammen. Langsam krochen ekelerregende Dämpfe zu Tal. 

Wochen vergingen. Im tiefen Kessel des Unzendake kochten grollend gewaltige Glutmassen. In immer kürzeren Abständen spie der Berg Asche und Fontainen flüssigen Steins aus, die wie Erbrochenes seine zerklüfteten Hänge hinunterflossen. Nach Einbruch der Dunkelheit flatterten und schrieen Raben und Sperlinge panisch durch die Nacht. Die Menschen waren bleich und erschöpft. Sie fanden unter dem bösen Flüstern der Erde keinen Schlaf. Mit offenen Augen lagen sie nachts auf ihren Matten, das Ohr immer wieder auf dem Boden im fiebrigen Versuch, die zornige Botschaft der Kami in der Tiefe des Berges zu verstehen. Jetzt, wo die Spitze des eingesunken war, müssen die guten Kami, die bis dahin dort oben wohnten, hinuntergefallen sein in die überfüllten Verliese der Hölle, wo sie in der Gewalt ihrer bösen Artgenossen waren. 

Drei Gesandte des Präfekten Moritomi waren innerhalb einer Woche bis zum Bakufu nach Edo gelangt. Der junge Shogun Ienari, der Adoptivsohn Ieharus und einzig überlebender Erbe, gerade neunzehn Jahre alt und schon seit vier Jahren in seinem Amt, sandte umgehend Sadanobu Matsudaira nach Nagasaki, den Minister und Regenten während der Minderjährigkeit des Shoguns. Der treueste Diener, der je unter der Dynastie der Tokugawa gedient hatte, nahm das Schiff und wagte die gefährliche Seereise an der wilden Westküste Japans entlang nach Süden. Somit erreichte er Nagasaki zwei Wochen früher als auf dem Landweg. Doch auch er konnte die Menschen nicht beruhigen und ihnen Hoffnung bringen. Sadanobu hatte sofort veranlasst, die von ihm landesweit wiedereingeführten Reisvorratslager aus den benachbarten Landschaften Chikuzen und Chikugo zu mobilisieren und jederzeit zum Abruf bereitzuhalten. Er hatte zu viel gesehen in der Ära Temmei, den Ausbruch des Asama in Shinano und die darauf folgende große Hungersnot, die Dürre in den Zentralprovinzen und die Überschwemmungen in Kanto. Der Wille der Götter ließ sich nicht lenken, nicht einmal besänftigen. Doch die Folgen für die Menschen konnten gelindert werden. Das war seine Überzeugung.

Kaum älter als der Shogun in Edo hielt Tenno Kôkaku von der Kaiserstadt Kyoto aus Wacht über die Ereignisse, folgte den Zeremonien der Shintopriester und meditierte. Die Kuge, der kaiserliche Hofrat, fing indessen an, ein feines und weitverzweigtes Netz zu knüpfen. Wie politische Spinnen wirkten sie lautlos und zogen geschickt die Bahnen ihres Kokons von Kyoto aus über das Land.  Sie spürten, dass ihre Stunde gekommen sein könnte. Im Machtkampf zwischen der Militärregierung, dem Shogunat in Edo, und dem spirituellen Oberhaupt des Landes, dem Tenno in Kyoto, schien der wütende Vulkan im Süden des Landes eine neue Runde einzuläuten. Wenn die Götter auf diesem Weg ihren Unwillen zeigen sollten, dann wäre das eine denkbar günstigeGelegenheit für eine Neuordnung des Staatswesens. Die Götter, das waren die Verwandten des Tennos. Er, der direkte Nachfahre der Sonnengöttin Amaterasu, war das einzige menschliche Wesen, das direkt zu ihnen sprechen konnte. Wenn der Shogun diese Sache nicht in den Griff bekäme, müsste eine ältere, eine mystische Macht angerufen werden, der Tenno auf dem Chrysanthmenthron.

Es schien tatsächlich so, als wollte sich der alte Berg auf Shimabara nicht mehr beruhigen. Im mehrere Fußstunden entfernten Nagasaki, das umgeben von Bergen in einem Fjord lag,  pilgerten die Menschen jeden Tag auf die umliegenden Anhöhen, um den zitternden und grollenden Unzen aus der Ferne sehen zu können. Es bildeten sich breite Trampelpfade hinauf zu den Aussichtspunkten. Die einzigen, die sich nicht dorthin begeben durften, waren die Holländer. Die Delegation von Kaufleuten und Beamten war wie seit fast zwei Jahrhunderten auf der künstlichen Insel Dejima im Hafen von Nagasaki unter strenger Bewachung kaserniert und durften die Insel nicht verlassen. Die Bewohner der Stadt waren von den andauernden Beben so verängstigt, dass sie keine Gedanken an die Barbaren verloren. Auch den Holländern begann man die Strapaze anzusehen. Der Mangel an Schlaf und die zunehmende Ungewissheit setzten ihnen zu und verschlimmerte das triste, eintönige Dasein auf der winzigen  Kolonie im Hafen.

Am ersten Tag des vierten Monats in Kansei, über sechs Wochen nach dem Einsturz des Gipfels des Unzen, begann in Shimabara die Erde um die Mittagsstunde leicht zu zittern. Mehrmals hintereinander waren unregelmäßig feine und dumpfe Stöße zu spüren, aber noch nicht zu hören. Dann wurden die Abstände kürzer und schienen sich in eine rhythmische Regelmäßigkeit zu fügen: Lauter Stoß.....lange Pause......leiser Stoß...kurze Pause...noch lauterer Stoß!  Allmählich schwollen die Stöße zu Beben an, als würde sich von unten her eine riesige Hacke durch das Erdreich emporarbeiten, immer heftiger und schließlich so stark, dass die Häuser einzustürzen begannen. Die Mensch konnten sich nicht mehr auf den Beinen halten. Frauen, Kinder und auch die stolzesten Männer lagen wimmernd und schreiend im Staub der zitternden Strassen. Die Fischerboote vor der Küste auf der Rückkehr vom Fang spürten die dumpfen Schläge des tiefen Meeresbodens gegen ihre Rümpfe. Es ging kein Wind. Die Wellen hoben sich im Takt der Beben und trieben die Boote zum Land. Die Fischer starrten in Richtung des bösen Berges als ob er sie riefe. Takano, dessen Mutter das einzige Opfer war, das nach dem Einbruch des alten Vulkandaches zu beklagen war, dümpelte mit Habu auf ihrem gemeinsamen Boot draußen in der Flaute, wo sie mit langen Stangen Seetang einsammelten. Als auch er die Beben spürte, bekam er um Angst um seine schwangere Frau Natsu. 

"Komm, Habu, lass uns schnell zurückfahren an Land."

"Bist du wahnsinnig! Schwimm zurück, wenn du willst. Ich bleibe auf dem
Boot. Hier auf dem Wasser sind wir sicher."

"Habu, ich muss zu Natsu! Lass sie uns holen. Wir fahren auch gleich wieder raus in die Bucht." Habu, nur mit einem leinenen Lendenschurz und einem runden Sonnenhut aus Stroh bekleidet, erhob sich mit einem heftigen Ruck, der das Boot schmale durchschüttelte und baute sich vor Takano auf.

"Mach was du willst. Dieses Boot fährt jedenfalls nicht an Land. Ich setze mein Leben nicht für Natsu aufs Spiel. Sei mir lieber dankbar, dass ich dir das Leben rette, du Narr", fauchte Habu ihn an. Takano wusste, dass er gegen den kräftigen, untersetzten Habu keine Chance hat. Er war erschrocken über die herzlose Kälte, die ihm aus den Augen seines Freundes entgegenfunkelte. Entmutigt drehte er sich wieder um und blickte ängstlich hinüber zum Dorf, hinter dem sich der verletzte Berg wie ein böser, alter Gott erhob.

 Dort war die Luft voll Kanonendonner, der sich tief unter der Erde immer heftiger entlud. Die Holzhütten knickten ein wie Spielzeug, eine nach der anderen. Die Dorfbewohner liefen schreiend und taumelnd durcheinander, je nachdem wohin der letzte Stoß sie warf, bis sie hinfielen und nicht mehr auf die Beine kamen. Immer heftiger bewegte sich das Erdreich und der Rhytmus der Schläge schien sich seinem Höhepunkt zu nähern. Da riß der Takt plötzlich ab und stürzte ins Leere. Stille trat ein und in der Buch glätteten sich die Wogen. Nach wenigen Minuten wagten die Menschen es wieder aufzustehen, die Gesichter noch voll Schrecken und nass von Tränen. Einige dachten, es sei endlich vorbei, standen vor ihren eingefallenen Hütten und weinten um ihr Hab und Gut. Die Empfindsamen und die Ängstlichen blieben stumm und horchten angespannt in Richtung des Berges. Die Sonne stand fast im Zenith und strahlte mit aller Kraft auf das zerschlagene Gesicht der Landschaft. Die Hitze trieb Wolken von süßlichem Gestank aus den Schreinen über die Dörfer. Die wochenlang im Übermaß erbrachten Opfergaben der um Schonung bittenden Bewohner waren inzwischen zu Haufen aus vergorenem Reis und Gemüse, madigem, faulem Fisch und giftig verwelkten Blumen zusammengelaufen, umnebelt von Wolken schillernder, fetter Fliegen. Selbst diese wurden in der Mittagshitze still. Die ganze Natur war erstarrt. Die Luft selbst schien den Atem angehalten zu haben. Nur das erschöpfte Weinen von Kindern, das leise Lamentieren ihrer Mütter und das Rollen losgelöster Steine war hier und da zu hören.

Dann explodierte der Berg.
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[Textprobe: Aus dem 2. Kapitel] 

                                             
Reise nach Java 

[Auf hoher See]
Starke Winde und heftiger Regen begleiteten sie noch einmal, als sie am 22. Dezember die Südspitze Afrikas passierten, das Kap der Guten Hoffnung. Dort erlebten sie ein bedrohliches Schauspiel der Natur, denn aus dem tiefgrauen Nord-Osten bewegten sich nicht weniger als acht Wind-hosen gleichzeitig auf sie zu. Diese einzelnen Wirbelstürme tanzten wie rauchende Säulen in einem unberechenbaren Zickzackkurs über die aufgewühlte See. Das achtfache Heulen und Brausen in verschiedenen Tonlagen näherte sich dem Schiff und schwoll zu einem orkanartigen Donnern an. Diese unheimlichen schreienden Derwische aus Wind und Wasser, von denen jeder die Mastspitze mindestens um das doppelte überragte, glitten in ihren erratischen Schwüngen am Schiff vorbei. Bentning kümmerte sich erstaunlich wenig um diese Erscheinungen. Er war vielmehr sehr zufrieden, denn er freute sich über den prasselnden Regen, den er in trichterförmig aufgespannten Planen aus ölgetränktem Stoff auffangen und direkt in die Fässer leiten ließ. Damit waren die Frischwasservorräte aufgefüllt ohne an Land gehen zu müssen. Bis dahin lag die Jonge Adriana gut in der Zeit. Östlich von Mauritius nahm der Wind jedoch ständig weiter ab und die Hitze zu. Eines morgens kam Siebold an Deck – und hörte nichts. Die See war spiegelglatt, das Schiff machte keinerlei Fahrt mehr und die Segel hingen bewegungslos in den Masten und an den Bäumen. Zum ersten Mal seit ihrer Abreise waren sie in eine vollständige Flaute geraten. Die Ruhe war einen Moment lang faszinierend und entspannend, denn Siebold merkte nun, mit wieviel Lärm die Seefahrt verbunden ist. Er machte sich mit Verhoeven daran, Fische zu fangen und sie versuchten, mit der Lotleine und Blei- und Talgklumpen Tiefenmessungen vorzunehmen. Doch die Leine war zu kurz. Sie banden dann alle Reserveleinen zusammen, so dass sie das Lot in eine Tiefe von einer halben Meile senken konnten. Sie berührten aber immer noch keinen Grund. Erfolgreicher verlief die Positionsmessung nach Längen und Breitengraden mit einer Genauigkeit von Bogensekunden. Der Kapitän nahm sich die Zeit, Siebold den Sextanten zu erläutern und ihn damit üben zu lassen. Da Siebold viel von Geographie verstand sich auch für die Kartographie der Seefahrt interessiert zeigte, nahmen sie zusammen Peilungen und Messungen vor. Dann trugen sie die Werte in die Karten ein. Die Sorge des Kapitäns war nicht so sehr das Ausbleiben des Windes als vielmehr die Drift durch die Strömung. In einer Flaute kann das Schiff nicht mehr navigieren, weil es keinen Antrieb hat. Die Strömung kann es weit ab vom Kurs treiben, ohne dass man es merkt, wenn nicht laufend exakte Positionsmessungen gemacht werden. Bentning zeigte Siebold eine Reihe weiterer Karten in seiner Kajüte.
„Die Meere der Welt bilden zusammen einen riesigen Unterwasserkontinent. Damit ich dort navigieren kann, brauche ich nicht nur die Beschaffenheit des Grundes und die Küstenlinien auf meinen Karten, sondern auch die Luft- und Wasserströmungen. Diese Kartensammlung, die Sie hier sehen, das ist mein großer Schatz. Mein ganzes Wissen, ja, mein ganzes Leben ist verzeichnet in diesen Karten. Dort habe ich alle Erfahrungen und Messungen eingetragen,  die ich auf meinen Reisen gemacht habe. Dieses Wissen macht einen Kapitän mächtig und unersetzlich. Wissen Sie, weshalb es in der Geschichte der Seefahrt so wenig Meutereien gab? Die Besatzung ist immer in der Gefangenschaft des Kapitäns. Der Kapitän alleine weiß, wie man navigiert und nur er kennt die Gewässer so gut, dass das von der Mannschaft erbeutete Schiff eine Chance hat, den nächsten Hafen zu finden. Meuterei ist, abgesehen von den harten Strafen die einen erwarten, nicht viel besser als Selbstmord.“
„Wie weit sind die Weltmeere kartographiert? Was schätzen Sie?“
„Nun, es fehlen nicht mehr viele Gewässer. Wir haben in den letzten dreißig bis vierzig Jahren enorme Forschritte erlebt. Doch das Problem ist liegt nicht in den erfaßten Flächen, sondern in der Qualität der Karten. Sehen Sie, jede Karte ist, wie diese hier, eine Kompilation. Generationen von Seefahrern schreiben ihre Messungen und Erfahrungen übereinander und häufig widersprechen sie sich sehr oder sie sind zusammenhangloses Stückwerk. Deshalb würde ich am liebsten  keiner Karte trauen, die ich nicht selbst gezeichnet habe. Am gefährlichsten sind die Seekarten, in denen Landmassen nicht durch exakte Küstenlinien und den Wassertiefen in ihrer unmittelbaren Nähe ausgewiesen sind.“
„Wie verhält es sich damit in den japanischen Gewässern?“
„Japan? Die Schiffahrt an den japanischen Küsten ist lebensgefährlich, denn wir verfügen bisher über keine einzige geeignete Karte. Da man dort nicht an Land gehen darf, konnten bisher keine annähernd brauchbaren Messungen vorgenommen werden. Japan ist von der See aus gesehen ein weißer Fleck auf unseren Karten – und das heißt nichts Gutes. Alles was wir genau kennen ist die Route zu einer einzigen Bucht, in der die Stadt Nagasaki liegt. Und das nur, weil wir das einzige Volk der Welt sind, das noch Handelsbeziehungen mit Japan unterhält. Ich bin jedoch noch nicht dagewesen.“
Später am Abend holte Siebold Kaempfers History of Japan aus einer seiner Büchertruhen und las darin nach.
Es besteht aber dieses Reich nicht aus einer Insel, sondern aus mehreren, die durch viele enge Öffnungen des Ozeans voneinander getrennt liegen. Die Natur hat dieses Reich mit einer unbezwinglichen Schutzmauer umgeben und diese gleichsam unüberwindlich gemacht, da es allenthalben von einem für den Seefahrer feindseligen Meer umgeben ist.
Das war der Stand der Erkenntnis von 1690. Es hatte sich offensichtlich nichts geändert seit damals.
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